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Kommerzielle Förderung von Tiefenwasser: „Ein Jahrtausendproblem“

17.10.2018

In den Landkreisen Mühldorf am Inn und Altötting liegen zwei Kommunen miteinander im Clinch. Auf dem Gebiet erstreckt sich in der Tiefe ein großes zusammenhängendes Grundwassersystem, bei dem sich Entnahmen gegenseitig beeinflussen. In der Mühldorfer Gemeinde Polling möchte künftig ein Getränkekonzern Tiefenwasser fördern, abfüllen und als Mineralwasser an Discounter verkaufen. Dagegen regt sich Widerstand in der Altöttinger Nachbarstadt Töging am Inn, wo der Pegel sinkt, Brunnen trocken fallen und das nahe gelegene Wasserschutzgebiet durch die Autobahn gefährdet ist. Tögings Bürgermeister Dr. Tobias Windhorst ist deshalb strikt gegen eine zusätzliche kommerzielle Ausbeutung der regionalen Trinkwasserreserve. Der Altöttinger Naturschützer Gerhard Merches warnt überdies vor einem „Jahrtausendproblem“.

Im Gemeindegebiet Polling kann das Werk Weiding aus fünf von sechs Brunnen 1,6 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr fördern. Laut Landratsamt Mühldorf am Inn ist diese Menge jedoch in den zurückliegenden Jahren nicht ausgeschöpft worden. Deshalb könnte die ungenutzte Tiefenwasser-Kapazität an die interessierte Mitteldeutsche Erfrischungsgetränke GmbH & Co. KG (MEG) verkauft werden. MEG würde für eine eigene Abfüllanlage mit Hochregallager einen hohen zweistellige Millionenbetrag investieren. Das Unternehmen mit Sitz im sachsen-anhaltinischen Weißenfeld ist eine hundertprozentige Tochter der Schwarz-Gruppe, dem viertgrößten Handelskonzern der Welt und größten Familienunternehmen Deutschlands, zu welchem auch Lidl und Kaufland gehören.

Pollings Bürgermeister Lorenz Kronberger verbindet mit dem Projekt die Aussicht auf neue Arbeitsplätze. „Grundsätzlich ist es völlig in Ordnung, wenn Unternehmen vorhandenes Tiefenwasser für den menschlichen Verzehr fördern wollen und dabei natürlich auch wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund stehen“, erklärt der CSU-Politiker. „Aber natürlich stellt sich auch die Frage, ob es immer gleich das Maximum sein muss.“ Demgegenüber lehnen Altöttings Stimmkreisabgeordneter Dr. Martin Huber und Tögings Bürgermeister Dr. Tobias Windhorst (beide CSU) eine kommerzielle Förderung des Tiefenwassers ab. Ihnen zufolge müsse zuerst die öffentliche Wasserversorgung langfristig gesichert sein, ehe Tiefenwasser für eine kommerzielle Nutzung gefördert werden dürfe. Gerhard Merches vom Arbeitskreis Landwirtschaft der „Bürgerinitiative Netzwerk Trinkwasser in Gründung (BINT)“, welche sich für sauberes Trinkwasser im Landkreis Altötting einsetzt, fordert zudem, dass die Altgenehmigungen zur Tiefenwassernutzung in Polling auf den Prüfstand kommen, inwieweit sie die heutige Situation abdecken.

„Jahrhundertproblem PFOA“

Merches sieht die Entnahme von Tiefenwasser grundsätzlich kritisch, weil dessen Regenerationsphase tausende Jahre benötige. Tiefenwasser könne, wenn überhaupt, nur eine Übergangslösung darstellen bis das Oberflächenwasser regeneriert, also von Nitat, Pestiziden oder Verkeimung gereinigt sei. Die hohe Sensibilität hinsichtlich der Wasserversorgung führt Merches auf die Furcht vor verunreinigtem Trinkwasser zurück, denn Teile des Landkreises Altötting haben ein „Jahrhundertproblem“: Boden und Grundwasser sind großflächig mit der möglicherweise Krebs erregenden Perfluoroctansäure (PFOA) belastet. PFOA kann unter Umweltbedingungen weder über Hydrolyse, Photolyse noch biotisch oder abiotisch abgebaut werden. Der Stoff wurde von 1968 bis 2008 in Chemiepark Gendorf bei Burgkirchen an der Alz verwendet, gelangte über Luft und Abwasser in Alz und Trinkwasser, damit in das Blut der Menschen. Indem die persistente Chemikalie weiterhin vom Boden ins Grundwasser sickert, könnte die Belastung des Wassers bis 2050 weiter steigen, ehe die Konzentration abnimmt.

Auf Veranlassung des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege und auf Wunsch des Landkreises Altötting untersuchten zwischen Ende Januar und Ende März das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) sowie das Gesundheitsamt Altötting die Belastungssituation der Bevölkerung mit perfluorierten Substanzen mittels Blutentnahmen. Dabei wurden im Blut „fast durchgehend“ erhöhte PFOA-Gehalte festgestellt. Dennoch besteht laut LGL „keine konkrete gesundheitliche Gefährdung“. Dagegen schätzte der Münchener Landtagsabgeordnete und SPD-Umweltexperte Florian von Brunn die Ergebnisse bei der Vorstellung Mitte Juli „mehr als besorgniserregend“ ein: Diese entsprächen im Durchschnitt dem Zehnfachen dessen, was das Umweltbundesamt noch für akzeptabel halte. Der SPD-Politiker widersprach der Darstellung des LGL als zentraler Fachbehörde des Freistaates für Lebensmittelsicherheit, Gesundheit, Tiergesundheit sowie Arbeitsschutz/Produktsicherheit und mahnte, von „Entwarnung kann überhaupt nicht die Rede sein“.

Behörden: Keine gesundheitliche Gefahren

Einer aktuellen Detailuntersuchung des „Environmental Resources Management (ERM)“ in Gendorf folgend wird die PFOA-Konzentration im Grundwasser „noch für Jahrzehnte über dem aktuellen Trinkwasserleitwert liegen“. PFOA werde dabei insbesondere durch belastetes Trinkwasser aufgenommen. Doch der Verzehr von Lebensmitteln aus der Region wie Obst, Gemüse oder Fisch sei - mit Ausnahme von Wildschwein - unbedenklich: PFOA stelle in Boden und Grundwasser „keine Gefahr für das Oberflächengewässer und das damit verbundene aquatische Ökosystem, für Pflanzen sowie für Nutz- und Wildtiere dar“.

Grundsätzliche Abhilfe: Zum Schutz der Bevölkerung können Wasseraufbereitungsanlagen installiert, belastete Brunnen stillgelegt oder ihr Wasser mit dem aus sauberen Brunnen vermischt sowie Trinkwasser aus tieferen Erdschichten oder in anderen Regionen gefördert werden. Immerhin hat das Gesundheitsamt Altötting Anfang Oktober grünes Licht für den Anschluss einer Wasseraufbereitungsanlage an das Trinkwasserversorgungsnetz für die Gemeinden Kastl und Tüßling gegeben. Umweltminister Dr. Marcel Huber (CSU) betonte: „Sauberes Trinkwasser ist das wertvollste Lebensmittel, das wir in Bayern haben.“ Jeder Bürger müsse zu sauberem Trinkwasser Zugang haben und die Aufbereitungsanlage in Kastl sei „ein entscheidender Schritt für die Trinkwasserversorgung in der Region“, auf dass der Leitwert für PFOA eingehalten werde.

„Jahrtausendproblem Tiefenwassernutzung“

In dieser Gemengelage bleibt die Entnahme von Tiefenwasser aus Merches Sicht problematisch. Mitte September erhielt Töging die Erlaubnis für eine Probebohrung zur Gewinnung von Tiefenwasser: ein „großer, erfreulicher Schritt“ zur langfristigen Wasserversorgung, so Bürgermeister Windhorst, und für Landtagsabgeordneter Martin Huber die „einzig gangbare Lösung“. Allerdings soll mit dem möglichen Tiefbrunnen das bisherige Wasserschutzgebiet am Harter Weg aufgelöst werden, weil es den Fachbehörden zufolge wegen der Autobahn und Ansiedlung von Gewerbe mittelfristig nicht zu schützen sei. Dies wiederum nennt Winhorst „absurd“. Merches warnt grundsätzlich, dass die Tiefenwassernutzung zum „Jahrtausendproblem“ werden könnte, wenn sich im unter Druck stehenden Tiefenwasser durch Förderung die Druckverhältnisse ändern und über eine Verunreinigung mit Oberflächenwasser das Tiefenwasser für die folgenden Generationen verloren wäre.

Dr. Olaf Konstantin Krueger


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