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Foto: 123rf.de

Therapeut und Fachberater fordert: Erwachsene Autisten brauchen spezifische Angebote

11.05.2016

Dieser tragische Fall hat vor knapp drei Wochen bundesweit Schlagzeilen gemacht: Während der Zwangsräumung einer Wohnung durch Beamte der Polizeiinspektion Rosenheim verletzte sich die 54-jährige Inhaberin bei einem Sturz im Treppenhaus schwer, kam in ein Krankenhaus. Ihre hinter verschlossener Tür aufgefundene 26-jährige schwer autistische Tochter Nadine kam in eine Fachklinik in Wasserburg. In blick spricht nun der 47-jährige Bruder der alleinerziehenden Mutter und von der Praxis und Fachberatungsstelle für Autismus-Spektrum-Störung in Großkarolinenfeld schildert der Heilpraktiker für Psychotherapie Markus Dörrer, was Autismus für Betroffene und Angehörige bedeutet.

Die 54-jährige Rosenheimerin ist inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden, hat das Betreuungsrecht für ihre autistische Tochter an einen Betreuer abgegeben und eine Drei-Zimmer-Sozialwohnung bezogen. Gegenüber blick beschreibt ihr 47-jähriger Bruder die Arbeit der Behörden dankbar als „zuvorkommend, fair und großzügig“. Seiner jahrelang unermüdlich engagierten Schwester sei „eine große Last genommen“ worden. Nadine war zuletzt „schnell aggressiv“, auch gewaltätig gegenüber der Mutter. Nun habe die Autistin Aussicht auf einen Vollzeitpflegeplatz, wo sie „gefordert und gefördert“ werde.

Markus Dörrer, Heilpraktiker für Psychotherapie und Fachberater für Autismus-Spektrum-Störung, betont, die Behandlung von Menschen mit Autismus „ist eine Herausforderung“. Bei den Betroffenen sei der Zugang zu den eigenen Gefühlen erschwert, die Wahrnehmungsverarbeitung verändert, jedoch nicht krankhaft, wie fälschlicherweise oft behauptet werde. Was passiert, wenn Betroffene lernen, ihre Innenwelt zu reflektieren, und damit einen Platz innerhalb der Gesellschaft zu suchen, verdeutlicht Dörrer anhand eines anonymisierten Beispiels.

Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung

Michaels Eltern merkten früh, dass ihr Sohn in einigem anders war: So nahm er vieles wörtlich, kann bis heute nichts Enges auf seiner Haut ertragen. Verschwand eine Aufälligkeit, entstand umgehend eine neue. Nach Jahren der Testung die Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung. Was folgte, waren zahlreiche Therapien und Behandlungen. „Nur selten fühlte ich mich verstanden und angenommen“, berichtet Michael. „Zwar konnte ich einiges aus den Behandlungen mitnehmen, doch das meiste war verschenkte Zeit. Viel eher sollte ich für ein vorgegebenes Konzept funktionieren.“ Trotzdem kämpfte sich der Autist durch, bis er erwachsen wurde. Dann endete die Unterstützung.

Dörrer erläutert, das Problem sei neben der allgemeinen Unterversorgung der Schwerpunkt der Angebote: Die wenigen Hilfen seien nahezu ausschließlich für die frühkindliche Entwicklung ausgelegt. Erreichten die Betroffenen das Erwachsenalter, existierten kaum noch spezifische Angebote, Betroffene und Angehörige würden oftmals sich selbst überlassen. „Hier bedarf es eines Paradigmenwechsels in Forschung und Behandlung“, fordert der Heilpraktiker. „Viele Ansichten und Methoden sind schlichtweg überholt oder bringen nichts“, kritisiert Dörrer. Um die Entwicklung von Autismus besser zu verstehen, sei es essenziell, Betroffene ernsthaft in zentrale Fragen einzubeziehen.

„Immer mehr Verantwortung“

Michael wurde geraten, eine Wohneinrichtung mit Werkstattanbindung als Perspektive anzunehmen, was er ablehnte. Gegen ein regionales Autismuszentrum hatte er nichts einzuwenden, doch seiner Aussage zufolge passte es weder zu ihm noch zu seinen Fähigkeiten. Michaels Mutter wurde zudem gebeten, er möge als Autismus-Blogger „aufhören, den selbstverlieben Narzisten zu spielen, nur um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen“. Seine „Meinungsmache“ würde andere in der Gesellschaft nur verunsichern, wenn er anerkannte Methoden in Frage stellte. Dörrer, der die Familie seit einem Jahr betreut, ist hingegen stolz auf seinen Patienten. „Michael hat sich einen bewussten Zugang zu sich selbst erarbeitet und ist bereit, immer mehr Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Mehr kann man sich als Therapeut für seinen Patienten nicht wünschen.“

Mittlerweile hat Michael seinen Abschluss gemacht. Die Fachstelle vor Ort lehnt eine Zusammenarbeit nun ab. Auch deshalb ist er immer noch gezwungen, für die verschiedensten Herausforderungen quer durch den Freistaat zu fahren. Manchmal sogar darüber hinaus. „Wie es weiter geht, weiß ich noch nicht. Im Moment brauche ich erst einmal eine Pause. Ich würde mir wünschen, meine Kraft mehr für eine Arbeitsstelle einsetzen zu können, anstatt fortwährend mit Leuten zu diskutieren, die mir eigentlich helfen sollten. Zumindest weiß ich heute, wer ich bin und was ich will.“

Der 26-jährigen Nadine wünscht Therapeut und Fachberater Dörrer indes „alles erdenklich Gute für die Zukunft“ und hofft, dass auch sie „die Chance erhält, ihre Potenziale und Stärken zeigen und ausleben zu können“.

Betroffene aus Rosenheim, dem Chiemgau, Traunstein, Wasserburg, Waldkraiburg und Mühldorf haben sich Anfang 2015 in der „Selbsthilfegruppe Autismus Rosenheim“ organisiert. Sie treffen sich jeden vierten Freitag im Monat in der Diakonie Suchtambulanz, Kufsteiner Straße in Rosenheim. Das nächste Treffen in der Diakonie ist am Freitag, 27. Mai, um 19 Uhr. Weiterführende Information gibt Katrin Hennig per E-Mail via shg_autismus [at] yahoo.de und unter Rufnummer 01 70/4 88 07 83.

Olaf Konstantin Krueger

 

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