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Foto: DVR e.V.

Tippen, texten, chatten bis es kracht?

22.06.2016

Smartphone am Steuer – so fahren Sie sicher!

In nicht allzu ferner Zukunft werden Autos wohl autonom fahren – bis dahin ist es der Mensch, der sie sicher steuern muss. Doch der beschäftigt sich hinter dem Steuer immer öfter mit seinem Smartphone: checkt Mails, Tweets und News, tippt Nachrichten, ist in sozialen Netzwerken unterwegs. Und setzt sich und andere dadurch einem vielfach erhöhten Unfallrisiko aus.

Jeder dritte Unfall mit Personenschaden, so belegen Zahlen aus Österreich, ist die Folge von Ablenkung. Ein tödlicher Trend, den zu stoppen jeder selbst in der Hand hat. Wie man trotz Smartphone an Bord sicher unterwegs ist, dazu berieten Verkehrsexperten am Lesertelefon. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was lenkt Autofahrer besonders stark ab?

Prof. Dr. Mark Vollrath: Am schlimmsten ist es, wenn man von der Straße wegschaut und dann auch noch die Hände vom Lenkrad nimmt. Das passiert, wenn man das Smartphone bedient, aber auch wenn man im Navigationssystem ein neues Ziel eingibt. Telefonieren lenkt auch ab, aber „nur“ geistig – und das ist in den meisten Fahrsituationen nicht ganz so schlimm.

Warum lassen sich Autofahrer überhaupt ablenken?

Prof. Dr. Mark Vollrath: Weil Autofahren oft anspruchslos und langweilig erscheint. Man fährt völlig automatisch und hat den Eindruck, man könne sich ruhig anders beschäftigen. Hinzu kommt, dass die Ablenkung so spannend ist und oft eine Antwort fordert. Da glaubt man, nicht warten zu können.

Was sagt der Gesetzgeber? Was ist erlaubt, was verboten?

Kay Schulte: Das regelt Paragraf 23 Absatz 1a der Straßenverkehrsordnung: Wer ein Fahrzeug führt, darf ein Mobil- oder Autotelefon nicht benutzen, wenn hierfür das Gerät oder der Hörer aufgenommen oder gehalten werden muss. Dies gilt nur dann nicht, wenn das Fahrzeug steht und bei Kraftfahrzeugen der Motor ausgeschaltet ist. Offenbar ist noch zu wenig bekannt, dass eine verbotswidrige Nutzung mit einem Punkt im Fahreignungsregister sanktioniert wird.

Warum regelt der Gesetzgeber die Nutzung von Smartphones nicht neu?

Kay Schulte: Eine solche Neuregelung ist in der Tat längst überfällig. Die gesetzlichen Vorschriften für die Nutzung von Mobiltelefonen bei der Verkehrsteilnahme stammen aus vorsintflutlichen verkehrsrechtlichen Zeiten – die Realität hat sie längst überholt. Die einzig konkrete Vorschrift, die sich auf das Telefonieren mit Mobiltelefonen bezieht, steht derzeit in Paragraf 23 Absatz 1a der Straßenverkehrsordnung.

Warum wird gegen die Smartphone-Nutzung am Steuer nicht härter durchgegriffen?

Kay Schulte: Aufgrund der Vielfalt der Aufgaben und der Personalknappheit bei den Polizeikräften der Länder ist eine gezielte Kontrolle der Smartphone-Nutzung kaum durchführbar. Hinzu kommt: Verstärkte Kontrollen wären zwar ein wirksames Instrument, aber kein Allheilmittel für das Problem der Ablenkung. Denn nach wie vor wird das Risiko durch Ablenkung dramatisch unterschätzt. Bei Tempo 50 lege ich pro Sekunde 14 Meter im Blindflug zurück, wenn ich auf mein Smartphone schaue. Und selbst wenn dabei hundertmal nichts passiert ist – beim nächsten Mal kann die Ablenkung tödliche Folgen haben.

Darf die Polizei meine Verbindungsdaten kontrollieren oder das Handy konfiszieren, wenn es zu einem Unfall gekommen ist?

Kay Schulte: Im Rahmen der Beweissicherung bei Verdacht auf eine durchgeführte Straftat ist das möglich – und genau darum handelt es sich, wenn es zu einem Unfall mit Personenschaden kommt.

Was kann ich selbst tun, um mich nicht ablenken zu lassen?

Prof. Dr. Mark Vollrath: Vor der Fahrt: Handy aus und in die Tasche. Lieber das Radio einschalten – das unterhält auch und lenkt viel weniger ab. Und man sollte sich immer wieder bewusst machen, dass Ablenkung gefährlich ist. Das eigene Bauchgefühl ist in dieser Beziehung eher trügerisch und gaukelt uns vor, es könne nichts passieren. Und als Beifahrer sollte man ruhig den Fahrer darauf hinweisen, dass man Angst bekommt, wenn er sich ablenkt.

Autohersteller werben mit WLAN im Auto. Das erhöht doch die Gefahr der Ablenkung noch…

Dr. Jörg Kubitzki: Das Auto wird so multifunktional wie das Smartphone – aber der Mensch nicht. Er ist schon für das Autofahren an sich nicht wirklich gemacht und schon gar nicht für komplexe Tätigkeiten dabei. Klar ist: Neue elektronische Kommunikations- und Informationsmittel haben auch im Auto ihre Vorteile. Aber manches davon sollte beim Fahren gar nicht zur Verfügung stehen. Internet, Textnachrichten, soziale Medien lenken ab und führen zu Unfällen, das zeigen Unfallstatistiken. Das WLAN im Auto richtet sich wohl eher an surfende Beifahrer, aber das kann auch nerven und ablenken….

Kann Technik im Auto auch für weniger Ablenkung sorgen?

Dr. Jörg Kubitzki: Die meisten technischen Lösungen verhindern Ablenkung nie ganz, sondern nehmen Einfluss auf die Zahl der Blickabwendungen und Handbewegungen. Was bleibt, ist die kognitive Ablenkung, zum Beispiel bei der Spracheingabe oder beim Telefonieren. Hinzu kommt: Ein Mehr an Technik im Auto verleitet auch jene Fahrer zur Nutzung, die bisher auf ablenkende Geräte verzichten. Ein Teil der Technik im Auto hilft aber, Fahrfehler und damit auch die negativen Folgen von Ablenkung zu kompensieren – Stichwort Fahrerassistenzsysteme.

Mit dem Smartphone in der Hand zu hantieren, ist sicher eine Gefahr, aber das Gespräch doch nicht? Man spricht ja auch mit dem Beifahrer.

Dr. Jörg Kubitzki: Genau das glauben viele und unterschätzen damit die emotionale Ablenkung, die ein Telefonat oder ein Gespräch mit dem Beifahrer bedeuten kann. Das Allianz Zentrum für Technik hat den Zusammenhang von Unfallraten und Fahrergesprächen klar nachgewiesen. Auch wenn „miteinander reden“ eine zutiefst menschliche Handlung ist: Es erfordert Aufmerksamkeit, die für das Verkehrsgeschehen fehlt.

Lassen sich jüngere Fahrer eher ablenken als ältere?

Dr. Jörg Kubitzki: Es ist der stärkste Effekt, den die Forscher überhaupt messen können: Junge Fahrer sind am anfälligsten für jede Art der Ablenkung. Der Effekt ist fatal: Gerade die Fahrer, denen die Routine fehlt, verschenken zusätzlich Reaktionszeit. Junge Fahrer nutzen vor allem das Smartphone mit seinen sozialen Medien und Textnachrichten. Nur: Eine Autofahrt dauert statistisch gesehen 21 Minuten oder 15 Kilometer. So lange geht es auch ohne soziales Netz. Deshalb: Einfach mal abschalten!

Auf der Autobahn sehe ich häufig Fahrer, die auf ihrem Smartphone oder gar Tablet tippen und dabei die Spur nicht halten. Wie verhalte ich mich in einer solchen Situation?

Prof. Dr. Mark Vollrath: Abstand halten, besonders aufpassen, zügig überholen. Hupen nur, wenn es wirklich gefährlich wird. Und es selbst nicht so machen.

Wird das Thema in der Fahrausbildung behandelt?

Kay Schulte: In der Fahrschülerausbildungsordnung fällt das Thema unter den Begriff „Aufmerksamkeitsdefizite". Damit hängt es von der persönlichen Motivation des Fahrlehrers oder der Fahrlehrerin ab, wie intensiv und didaktisch wertvoll das Thema behandelt wird. In der Regel wird darüber im Rahmen des theoretischen Unterrichts gesprochen – teilweise nur mit Blick auf die wenigen existierenden Vorschriften, teilweise aber auch in Form von kurzen Schockvideos, die im Anschluss diskutiert werden. Doch hier ist noch Luft nach oben: In anderen europäischen Staaten ist beispielsweise eine Ablenkungsübung fester Bestandteil der Fahrerlaubnisprüfung.

Die Experten am Lesertelefon waren:

• Kay Schulte, Stellv. Referatsleiter Unfallprävention – Wege und Dienstwege, Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR), Berlin

• Prof. Dr. Mark Vollrath, Leiter des Lehrstuhls für Ingenieur- und Verkehrspsychologie an der Technischen Universität Braunschweig

• Dr. Jörg Kubitzki, Verkehrspsychologe, Allianz Zentrum für Technik (AZT), Ismaning

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