„Miniwiesn“-Konzepte für die Corona-Krise: Knusprige Hendl vom „Volksfest to go“
In 2020 so nicht mehr vorstellbar: voll besetzte Bierzelte wie hier auf dem Herbstfest Rosenheim. Foto: Olaf Konstantin Krueger
Prosepkt Box

„Miniwiesn“-Konzepte für die Corona-Krise: Knusprige Hendl vom „Volksfest to go“

Rosenheim/Mühldorf am Inn – Die Corona-Krise setzt der Freizeitbranche in Bayern wirtschaftlich schwer zu: Damit die Verbreitung des Coronavirus (SARS-CoV-2) verlangsamt wird, sind bis zum 31. August alle Großveranstaltungen untersagt, einschließlich Volksfeste. Betroffen sind sowohl Massenevents wie das Oktoberfest in München als auch Volksfeste wie das Traditionsvolksfest Mühldorf am Inn, das Volksfest Waldkraiburg, das Volksfest Neumarkt-St. Veit, das Rosenheimer Herbstfest und das Frühlingsfest in Wasserburg am Inn. Veranstalter, Festwirte und Schausteller fürchten um ihre Existenz. Während nun den Gaststätten unter Einhaltung strikter Abstandsregeln und Hygienevorgaben schrittweise die Wiedereröffnung gestattet ist, sollen „Corona-geeignete Konzepte“ den durch die Absage der Volksfeste verursachten ökonomischen Schaden verringern: Typische Wiesn-Stände bieten Bierzelt-Klassiker wie knusprige Hendl, frische Steckerlfische und resche Schweinshaxn zum Mitnehmen an und sorgen für Volksfestflair. Vorbilder sind das „Volksfest zum Midnehma“ in Gmund am Tegernsee und die „Drive-in-Wiesn“ in Erding.

Insolvenzen, verändertes Konsumverhalten, fehlende Planungssicherheit: Die Folgen der Corona-Krise werden für die heimische Wirtschaft dramatischer sein als zu Beginn angenommen. Das befürchtet Ingrid Obermeier-Osl, Vizepräsidentin der IHK München und Oberbayern und Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Altötting-Mühldorf. „Niemand hatte eine Ahnung davon, was ein komplettes Runterfahren der Wirtschaft bedeutet. Das begreifen alle erst jetzt. Die Leute haben geglaubt, wir machen das jetzt zwei Wochen, dann ist alles gut, und die Konjunktur springt wieder an“, erklärt die Schwindegger Unternehmerin. Doch die Krise habe die Gesellschaft verändert: „Die Leute kaufen weniger, sind vorsichtiger, bleiben mehr zuhause.“ Ihre Prognose: Die Erholung der Wirtschaft werde lange brauchen.

Die bedrückende Situation macht aber auch kreativ, insbesondere in der Freizeitbranche und im Tourismus: Aus der Not geboren könnte heuer das Konzept „Volksfest to go“ mehr als ein Trostpflaster für betrübte Wiesn-Fans sein. Was im Wonnemonat Mai in Gmund am Tegernsee mit dem „Volksfest zum Midnehma“ (30. April bis 10. Mai) und in Erding mit der „Drive-in-Wiesn“ (15. bis 24. Mai) begonnen hat, ist auch in Großkarolinenfeld (15. bis 24. Mai) auf positive Resonanz gestoßen. Treibende Kraft: die Festwirte. Ihr einendes Konzept für die „Miniwiesn to go“ sieht vor, dass analog zu Weihnachtsmärkten weit verteilte Verkaufsstände fertig dekoriert aufgestellt und typische Wiesn-Klassiker „zum Mitnehmen“ angeboten werden. Das Personal trägt traditionell Tracht und zünftige Begleitmusik simuliert Volksfeststimmung. Abstandsregeln und Hygienevorgaben zum Vermeiden von Infektionen werden eingehalten. Öffnen noch dazu Biergärten, ist das Substitut abgerundet. Bei der Drive-in-Variante kommen die „Volksfestbesucher“ hauptsächlich mit Fahrrad und Auto vorbei, bei der To-go-Variante zu Fuß. Bierzelte und Vergnügungsparks fehlen gänzlich wegen der Infektionsgefahr. Dieses Konzept der „abgespeckten Volksfeste“ soll Wirten, Bedienungen und Schaustellern eine Perspektive in der anhaltenden Corona-Krise bieten, derentwegen immer mehr Existenzen auf dem Spiel stehen. Bereits ein flüchtiger Blick auf die 2020 abgesagten regionalen Volksfeste und Festivals zeigt die Dramatik aus Sicht der Veranstalter.

Fokus: Rosenheim. In Wasserburg am Inn ist das Frühlingsfest abgesagt (20. Mai bis 1. Juni), in Rosenheim Stadt das Herbstfest auf der Loretowiese (29. August bis 13. September), das Sommerfestival auf die Zeit vom 8. bis 17. Juli 2021 verschoben. Bad Aibling hat aus der Not eine Tugend gemacht und das Pfingstvolksfest in ein „Pfingstfest zum Midnehma“ transformiert: 17 Tage lang werden nun vom 29. Mai bis 14. Juni auf dem Festplatz an der Krankenhausstraße bayerische Schmankerl verkauft. Da die Außengastronomie und somit auch die Biergärten seit dem 18. Mai bis 20 Uhr und die Speiselokale seit dem 25. Mai bis 22 Uhr geöffnet sein dürfen, gibt es beim Pfingstfest neben einem Kinderkarussell auch einen Biergarten. Unterdessen konkretisieren sich auch in Rosenheim Pläne für eine „Miniwiesn“: Unter dem Motto „Sommer in der Stadt“ soll ein „dezentrales Herbstfest“ Wiesn-Fans in die Fußgängerzone vom Max-Josefs-Platz bis zum Ludwigsplatz locken. Dazu würden für mehrere Monate Volksfeststände, Fahrgeschäfte und ein Kinderkarussell aufgebaut, kann sich Thomas Bugl, Wirtschaftsdezernent der Stadt Rosenheim, vorstellen.

Fokus: Mühldorf am Inn. Das diesjährige Sommer-Ferienprogramm Mühlix der Kreisstadt ist genauso abgesagt wie die Ü-60-Messe (vorgesehen war: 17. Juni), das Mühldorfer Altstadtfest (27. Juni) und das Mühldorfer Traditionsvolksfest (28. August bis 7. September). Das 22. Sommerfestival im Haberkasten-Innenhof (ursprünglich: 10. Juli bis 19. Juli) wurde in den Festivalzeitraum vom 8. Juli bis 18. Juli 2021 verlegt. In Neumarkt-St. Veit findet weder das Volksfest (29. Mai bis 7. Juni) statt noch das Sommerfest (11. Juni), das Stadtplatzfest (6. Juli) und das Schlossgartenfest (14. August). Die Stadt Waldkraiburg verzichtet wegen der Pandemie sowohl auf ihr Stadtfest (18./19. Juni) als auch auf ihr traditionelles Volksfest (10. Juli bis 20. Juli). Das Haus der Kultur bleibt bis auf weiteres geschlossen.

Die Festwirte versichern wiederum, keine Konkurrenz zur einheimischen Gastronomie darzustellen, denn die Speisen seien zum Mitnehmen, Tische würden nicht bewirtet und wären lediglich ein Service für die Besucher. Grund: Die Bilanz der Gastronomen selbst fällt nach der Wiedereröffnung „erschreckend“ aus. In einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes e. V. (DEHOGA Bundesverband) haben 81,5 Prozent der Betriebe angegeben, dass ihnen ein wirtschaftliches Handeln unter Berücksichtigung der Corona-bedingten Auflagen nicht möglich ist. In den ersten Tagen nach dem Neustart hatten 78,3 Prozent der Betriebe nur maximal 50 Prozent der sonst üblichen Umsätze erzielt.

Dr. Olaf Konstantin Krueger

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