Carsten de Vries über gelebte Inklusion und Loyalität
Wer eine Haushaltsauflösung beauftragt, denkt meist an Möbel und Kartons. Doch hinter jedem Auftrag stehen Menschen und persönliche Geschichten. Carsten de Vries kennt diese Situationen aus seinem Berufsalltag nur zu gut. Als Leiter des Inklusionsbetriebs für Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen der Diaflora GmbH in Rosenheim sorgt er nicht nur für professionelle Abläufe, sondern begleitet auch Menschen in emotionalen Lebensphasen. Gleichzeitig setzt er sich dafür ein, dass in seinem Team Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam arbeiten können. Im Gespräch mit Marion Kellner erzählt Carsten de Vries von den Stationen seines Lebens und den Erfahrungen, die ihn geprägt haben.
Herr de Vries, wie sind Sie zur Diaflora GmbH gekommen?
Zur Diaflora GmbH bin ich 2017 gekommen, als ich von Nordrhein-Westfalen nach Rosenheim gezogen bin. Die Aufgabe war von Anfang an klar: den Bereich Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen als inklusiven Betrieb aufzubauen. Die Diaflora GmbH selbst hat ihren Ursprungssitz in Kiefersfelden, eine Zierpflanzengärtnerei sowie ein Zuverdienstbetrieb für Menschen mit Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Unser Inklusionsbetrieb für Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen ist ein reguläres Unternehmen am Arbeitsmarkt, das gezielt Menschen mit Handicap beschäftigt.
Der Aufbau dieses neuen Bereichs war allerdings ein längerer Prozess. Es hat rund zwei Jahre gedauert – von der Erstellung des Businessplans über die Beantragung von Fördergeldern bis hin zu Gutachterverfahren und Genehmigungen.
Besonders stolz sind wir darauf, dass wir der erste Betrieb in Bayern sind, der das sogenannte Budget für Arbeit erhalten hat – ein wichtiger Schritt für echte Teilhabe im Arbeitsleben. Seit 2019 sind wir nun am Markt aktiv. Aktuell beschäftigen wir acht Mitarbeitende, von denen etwa die Hälfte schwerbehindert ist.
Gab es einen Moment, an dem Sie wussten: Das ist die Richtung, die ich einschlagen möchte?
Ursprünglich komme ich aus dem Schreinerhandwerk. Als Schreinermeister war ich seit 1999 als Ausbilder für benachteiligte Jugendliche tätig. Diese Erfahrung hat meinen beruflichen Weg stark geprägt und auch dazu geführt, dass ich heute in diesem Bereich arbeite. Ich habe gemerkt, dass es mir Freude bereitet, Menschen etwas beizubringen, die es auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht haben. Es hat mir gezeigt, wie erfüllend es sein kann, jemanden zu begleiten, zu fördern und zu sehen, wie er sich entwickelt.
Ihr Betrieb beschäftigt Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Was bedeutet Inklusion für Sie persönlich?
Für mich bedeutet Inklusion, dass man den sozialen Auftrag ernst nimmt und gleichzeitig einen Betrieb so führt, dass er wirtschaftlich funktioniert. Beides gehört für mich zusammen. Ich erlebe jeden Tag, dass dies in der Praxis sehr gut funktioniert. Unsere Mitarbeitenden leisten alle richtig gute Arbeit und jeder einzelne ist ein wichtiger Teil des Teams. Was ich besonders schätze, ist das sehr gute Miteinander bei uns. Man achtet aufeinander und begegnet sich
respektvoll.
Was liegt Ihnen bei der Arbeit mit Menschen mit Handicap besonders am Herzen?
Mir ist wichtig, jeden Menschen mit seinen Stärken und Möglichkeiten zu sehen. Manche Mitarbeitende brauchen etwas mehr Zeit oder eine andere Erklärung. Diese Zeit nehme ich mir gerne. Es ist schön, zu erleben, wie Sie neue Aufgaben meistern und dadurch mehr Selbstvertrauen gewinnen. Ich sehe meine Aufgabe nicht nur darin, Arbeitsabläufe zu organisieren, sondern auch darin, Menschen zu begleiten und ihnen Chancen zu eröffnen. Dabei sind Geduld, Vertrauen und gegenseitiger Respekt für mich die Grundlage einer guten Zusammenarbeit.
Was können Unternehmen von Inklusionsbetrieben lernen?
Menschen mit Beeinträchtigungen in ganz unterschiedlichen Formen einzubinden und sinnvoll einzusetzen ist sehr gut machbar. Im Grunde ist es vor allem eine Frage durchdachter Organisation und man merkt schnell, es bringt auch einen echten Mehrwert. Viele identifizieren sich stark mit ihrer
Arbeit, sind sehr loyal und zuverlässig.
Wofür steht Ihr Team ganz konkret im täglichen Arbeiten?
Wir sind ein eingespieltes Team mit unterschiedlichen handwerklichen Fähigkeiten, und genau diese Mischung macht uns aus. Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen gehören zu unserem Schwerpunkt, darauf haben wir uns spezialisiert. Ergänzend übernehmen wir auch die Mitnahme persönlicher Gegenstände bei einem Umzug in ein Heim, selbstverständlich immer in enger Absprache mit dem jeweiligen Betreuer. Im Mittelpunkt steht für uns die Kundenzufriedenheit. Wir arbeiten sehr serviceorientiert und versuchen, für jede Situation eine praktische Lösung zu finden. Unser Einsatzgebiet reicht vom gesamten Landkreis Rosenheim über Traunstein bis hin nach München.
Gibt es ein Hobby, bei dem Sie völlig die Zeit vergessen?
Ich singe im Männerchor „Die RosenKavaliere“, das macht mir großen Spaß. Wir feiern übrigens dieses Jahr unser 10-jähriges Jubiläum und laden am Samstag, 10. Oktober, um 19 Uhr herzlich zum Jubiläumskonzert im Hans-Fischer-Saal im Künstlerhof in Rosenheim ein.
Am Wochenende gehe ich gerne einkaufen und auf einen Ratsch zum Grünen Markt. Wenn ich zu Hause bin, stehe ich mit Freude in der Küche und probiere mich durch neue Rezepte. Und wenn noch Zeit bleibt, lerne ich Türkisch, nicht zuletzt, weil meine Frau türkische Wurzeln hat.
Vielen Dank für das Gespräch und Ihr Engagement für Inklusion und Menschlichkeit!
Marion Kellner
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