Angehende Erzieher absolvieren Rollstuhltraining – Schneider: „Ohne Hilfe bekommt man Angst“
Sozialpädagogin Sabine Herrmann von der FakS Rosenheim (l.) und Alexander Weichmann, Abteilungsleiter beim reha team-Fachhändler Rossmüller (5.v.l.), haben die angehenden Erzieherinnen und Erzieher beim "Rollstuhltraining" in Rosenheim fachlich begleitet. Foto: Olaf Konstantin Krueger
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Angehende Erzieher absolvieren Rollstuhltraining – Schneider: „Ohne Hilfe bekommt man Angst“

Rosenheim — „Es ist richtig anstrengend“, konstatiert Isabella Schneider. „Schon kleine Bordsteinkanten benötigen viel Kraft“, bemerkt Raphael Stanggassinger. Und: „Viele schauen kritisch“, beobachtet Alina Ott. Die drei Studierenden haben mit neun anderen Kommilitonen ihre Perspektive für zwei Stunden verändert: In ihrer Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher absolvieren sie im Sinne der Inklusion ein „Rollstuhltraining“. Angeleitet werden sie durch Dipl.-Sozialpädagogin (FH) Sabine Herrmann von der Fachakademie für Sozialpädagogik Rosenheim der Gemeinnützigen Gesellschaft für soziale Dienste. Der reha team-Fachhändler Rossmüller leiht vier unterschiedliche Rollstühle. Mit ihnen erkunden die zwölf Studierenden in vier Kleingruppen die Rosenheimer Innenstadt und übernehmen dabei verschiedene Rollen: Rollstuhlfahrer, Begleit-/Betreuungsperson oder Beobachter. Dadurch erhalten die Twens einen Eindruck von den Schwierigkeiten jener Menschen, die unfall-, krankheits- oder altersbedingt in ihrer persönlichen Bewegungsfreiheit eingeschränkt und zur Fortbewegung auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Ohne Hilfe bekommt man Angst, eine Straße zu überqueren, beschreibt die angehende Erzieherin Isabella Schneider ihren Ersteindruck als Kurzzeit-Rollstuhlbenutzerin. „Alleine im Rollstuhl unterwegs sein – ich würde es mir nicht zutrauen“, meint sie. Nachdem Kommilitone Raphael Stanggassinger als Selbstfahrer die Barrierefreiheit beim Zugang zu Geschäften geprüft hat, registriert Studentin Alina Ott in einem Kaufhausaufzug die bedingte Wendemöglichkeit für einen Rollstuhlfahrer. Hinzu kommt das Einhalten der behördlich weiterhin vorgeschriebenen Hygiene- und Distanzregeln zur Eindämmung der Verbreitung des neuartigen Coronavirus’ (SARS-CoV-2) – die Studierenden sind getestet und tragen FFP2-Masken. Schnell ist klar: Obschon ein Rollstuhl den teilweisen oder vollständigen Verlust der Gehfähigkeit kompensieren soll, müssen sowohl Selbstfahrer als auch Begleit- und Betreuungspersonen den Umgang mit diesem Hilfsmittel üben. Neben der Prüfung hindernisfreier Zugänge ergeben sich für die Studierenden zusätzliche Fragen, etwa: Trauen sich manche Menschen nicht, Hilfestellung zu geben, weil sie unsicher sind, ob der Rollstuhlfahrer sie annimmt?

Dipl.-Sozialpädagogin (FH) Sabine Herrmann von der Fachakademie für Sozialpädagogik (FakS) in Rosenheim unterrichtet Erzieherinnen und Erzieher. Die Fachakademien der Gemeinnützigen Gesellschaft für soziale Dienste (GGSD) bieten über den standardisierten Unterricht hinaus verschiedene individuelle „Übungen“ an. In Rosenheim gehören dazu die Übungen „Montessori“, „Erziehungspartnerschaft“, „Sprachförderung“, „Krippenpädagogik“, „Erlebnispädagogik“ und „Inklusion“. In den Übungen werden Themenbereiche aus dem Unterricht vertieft, praxisnah aufgearbeitet und Fragen geklärt. In der Übung „Inklusion“ legt Herrmann Wert darauf, den Studierenden neben den theoretischen und rechtlichen Grundlagen die praktische Bedeutung nahezubringen. „Dazu müssen sie sich mit ihren eigenen eventuellen Vorurteilen und ‚Schubladen‘ auseinandersetzen und versuchen, sich in andere Menschen hinein zu versetzen – das Rollstuhltraining hilft ihnen, diesen Perspektivwechsel selbst zu erleben“, erklärt die Sozialpädagogin.

Erkenntnisgewinn

Herrmann zufolge erleben die Studierenden im Training, mit welchen Barrieren Rollstuhlfahrer im Alltag konfrontiert seien. Beispiele: Wie komme ich im Supermarkt an die Ware in den oberen Regalreihen? Wie komme ich in einem Bekleidungsgeschäft zurecht? Wie fühlt es sich an, wenn alle stehend um einen herum ein Gespräch auf Augenhöhe führen, man selbst aber so viel tiefer sitzt? Die Studierenden schlüpfen zudem in die Rolle der Begleit- und Betreuungsperson: Welche Kompetenzen brauche ich dafür? Worauf ist zu achten, damit ich sowohl den Rollstuhlfahrer wohlbehalten von A nach B bringe als auch meine Gesundheit sicherstelle? „Den Erkenntnisgewinn, den die Studierenden aus dieser Einheit mitnehmen, können wir in den Unterricht gut einbauen, um mehr und mehr zu einer inklusiven Haltung zu kommen, zu einem Handeln und Denken ohne Ausgrenzung und Diskriminierung“, legt Herrmann dar. „Nur so können wir fair und individuell auf Kinder und deren Familien eingehen – egal, mit welchen Normen, Werten und kulturellen Hintergründen – und eine professionelle Pädagogik leben.“

Für das Training in Rosenheim nutzten die Studierenden leihweise einen Standard-, einen Leichtgewicht- und einen Aktiv-Rollstuhl, erklärt Alexander Weichmann, Abteilungsleiter beim reha team-Fachhändler Rossmüller. Standard-Rollstühle eignen sich gleichermaßen für den Einsatz im Innen- und im Außenbereich sowie für kurzfristige Transfers von Patienten oder kurze Nutzungszeiten. Sie bieten generelle statt individuelle Funktionen und haben ein relativ hohes Gewicht. Leichtgewicht-Rollstühle sind mehrere Kilogramm leichter, können zusammengefaltet und individualisiert werden. Aktiv-Rollstühle wiederum sind vielfältig anpassungsfähig an die Funktionseinschränkungen. Darüber hinaus gibt es Hemiplegiker-, Sport- und Multifunktions-Rollstühle sowie Zusatzantriebe. Letztere eignen sich für Situationen, in denen die Restkräfte des Rollstuhlbenutzers zu gering sind oder die Begleitperson nicht über genügend Eigenkräfte verfügt. Trotz aller Anpassungsfähigkeit appellierte am Trainingsende Raphael, der mit einem Leichtgewicht-Rollstuhl unterwegs war: „Gebt auf jeden Fall Acht auf Eure Mitmenschen und traut Euch, zu helfen.“

Dr. Olaf Konstantin Krueger

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