„Zwischenschritt“ im Verkehrsgroßprojekt Brenner-Nordzulauf: Zwiespältiges Echo auf Trassen-Pläne
Präsentation der auf fünf verringerten Grobtrassen für den Brenner-Nordzulauf (v.l.n.r.): Torsten Gruber, Projektleiter DB Netz AG, Klaus-Dieter Josel, Deutsche Bahn AG und Konzernbevollmächtigter für den Freistaat Bayern, Dr. Hans Reichhart (CSU), Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr im Kabinett Söder II, Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur im Kabinett Merkel IV, Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU). Foto: Olaf Konstantin Krueger
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„Zwischenschritt“ im Verkehrsgroßprojekt Brenner-Nordzulauf: Zwiespältiges Echo auf Trassen-Pläne

Rosenheim – Die Deutsche Bahn hat eine reduzierte Auswahl an Grobtrassen zum Brenner-Nordzulauf vorgestellt. Von rund 110 alternativen Verläufen sind fünf verblieben, die sich mit hohen Tunnelanteilen auf zwei grobe Strecken westlich und östlich von Rosenheim konzentrieren. Dazu erklärten unisono Bahn, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der bayerische Verkehrsminister Dr. Hans Reichhart (CSU) und Rosenheims Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU), ein Ausbau der Bestandsstrecke Kufstein/Rosenheim/München sei keine Alternative zum Trassenneubau. Das Echo der Betroffenen ist zwiespältig: Erleichterung bei jenen, denen erhöhter Lärmschutz und Tunnel in Aussicht gestellt werden, Enttäuschung bei jenen, die weiter auf die alleinige Ertüchtigung der Bestandsstrecke setzen. Eine „Info-Tour“ der Bahn soll bis Anfang August mit 16 Ausstellungen die Grobtrassen im Landkreis Rosenheim erläutern. Derweil haben die Bürgerinitiativen (BI) eine Petition an den Deutschen Bundestag gestartet. Mit ihr soll für die Bestandsstrecke als Alternative zur Zulaufstrecke zum Brennerbasistunnel geworben werden. Dazu will der „Brennerdialog Rosenheimer Land e. V.“ gemeinsam mit dem BUND Naturschutz in Bayern e. V. ein Gutachten zur möglichen Kapazität der Bestandsstrecke vorstellen.

Der „Scan-Med Corridor“ ist eine der wichtigsten europäischen Verkehrsachsen, die Alpenquerung ein Schlüsselabschnitt dieser Verbindung. Der Brennerbasistunnel (BBT) zwischen Franzensfeste und Innsbruck soll ab 2026 dazu dienen, mehr Güter von der Straße auf die Schiene zu bringen und die Verkehrsroute über den Brennerpass vom Lkw-Verkehr zu entlasten. Auf bayerischer Seite soll der Brenner-Nordzulauf bis 2038 an die vorhandenen österreichischen Neubaustrecken anschließen und Teil des viergleisigen Bahnausbaus von Verona bis München werden. Der Nordzulauf ist damit integraler Bestandteil des verkehrlich bedeutsamen transeuropäischen Kernnetzes, das sich vom Mittelmeerraum bis zur nördlichen EU-Außengrenze erstreckt. Für die Neubaustrecke vom Tiroler Inntal bis nach München haben die Deutsche Bahn (DB) und die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ihre Planungen vor vier Jahren gestartet. Gesucht wird laut DB eine möglichst raumverträgliche Trassenführung für eine zweigleisige Neubaustrecke mit einer maximalen Steigung von 12,5 Promille und einer maximalen Streckengeschwindigkeit von 230 km/h.

Die DB-Planer haben nach Grundlagenerhebung und Raumwiderstandsanalyse Korridore für Grobtrassen bestimmt. Aus rund 110 unter Bürgerbeteiligung vorgeschlagenen Trassenverläufen wurden seit Januar 2019 fünf nach Farben benannte Varianten herausgearbeitet, die sich auf Streckenverläufe westlich und östlich von Rosenheim konzentrieren. So verlaufen die Varianten „Türkis“, „Gelb“ und „Oliv“ westlich von Rosenheim, die Varianten „Blau“ und „Violett“ östlich der kreisfreien Stadt. Die Varianten „Türkis“, „Gelb“ und „Oliv“ unterscheiden sich südlich und nördlich jeweils durch ihre Verknüpfungsstellen mit der Bestandsstrecke. Die Varianten „Blau“ und „Violett“ unterscheiden sich im Süden durch ihre Tunnelanteile, knüpfen bei Niederaudorf an die Bestandsstrecke im oberbayerischen Inntal an und verbinden sich im Norden entweder bei Großkarolinenfeld oder bei Aubenhausen.

In den kommenden eineinhalb Jahren wollen die Bahnen die Varianten vertieft planen, wobei etwa die tatsächliche Höhenlage der Gleise ermittelt und der Trassenverlauf genauer festgelegt werden soll. Ziel ist es, eine Trasse auszuwählen, die den unterschiedlichen Anforderungen am besten gerecht würde. Bewertungskriterien sind laut Bahn die Auswirkungen auf Mensch, Umwelt, Technik und Verkehr mit Aspekten wie Flächenverbrauch, Trinkwasser, Landwirtschaft und Tourismus. Außerdem wird ein Raumordnungsverfahren eingeleitet. Mit einer baulichen Umsetzung rechnet die Bahn frühestens in den 2030er-Jahren.

Pro und Kontra Ausbau der Bestandsstrecke

„Wir erwarten, dass viele Ängste und Sorgen weichen werden, weil wir in den kommenden Monaten die jetzt noch übrig gebliebenen Trassenverläufe viel konkreter planen und damit auch detaillierter mit der Region besprechen und bewerten können“, erläutert DB-Projektleiter Torsten Gruber. Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, betitelt den erreichten Stand als „Zwischenschritt, keine Entscheidung“ und unterstreicht, „weiter fair im Dialog zu bleiben“. Scheuer setzt zwar auf die Ertüchtigung der Bestandsstrecke, auch digital, doch nach den Prognosen reiche dies nicht aus, um das künftig erhöhte Zugaufkommen zu bewältigen. Dr. Hans Reichhart (CSU), bayerischer Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr, will „größtmöglichen Lärm- und Landschaftsschutz“, weshalb er von den fünf Varianten wie Scheuer „Violett“ bevorzuge. Im weiteren Verlauf müsse über zusätzliche Untertunnelung diskutiert werden. Daniela Ludwig, Rosenheims CSU-Bundestagsabgeordnete und verkehrspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, konstatiert, die Überprüfung eines möglichen Ausbaus der Bestandsstrecke habe ergeben, „dass das wichtige Ziel – eine nachhaltige Verlagerung von Verkehrsströmen auf die Schiene und die Verbesserung des Angebots für den Personenverkehr – so nicht erreicht werden kann“. Ludwig und Reichhart sind sich einig, für eine anstehende Trassierung der Neubaustrecke gelte, die Menschen vor Lärm zu schützen, die Eingriffe in die Umwelt so gering wie möglich zu halten und den Personen- und Güterverkehr auf der Schiene zukunftsfähig zu machen. Ludwig betont, Trassenvorschläge ohne Tunnellösungen seien ungeeignet für eine Neubaustrecke: „Sie lösen das Problem nicht und sind den Menschen in der Region nicht zuzumuten. Ich lehne sie strikt ab. Eine weitestgehende Untertunnelung muss deshalb unser Ziel sein.“

Zufrieden mit den vorgestellten Planungsschritten für den Brenner-Nordzulauf zeigt sich Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer (CSU). „Endlich können wir über konkrete Vorschläge für die weiteren Trassenplanungen seriös diskutieren.“ Das Wirrwarr um Grobtrassen habe ein Ende, über die Bestandsstrecke herrsche Klarheit: „Die Bestandsstrecke kann niemals auf Dauer die alleinige Zulauftrasse auf bayerischer Seite sein, wie von Bürgerinitiativen gefordert.“ Gleichwohl würden die Hauptverkehre bis zum Streckenneubau über diese Trasse abgewickelt werden müssen. „Deshalb hat der Lärmschutz entlang der Bestandsstrecke für die ganze Stadt Rosenheim und ihre Bürgerinnen und Bürger äußerste Priorität“, so Bauer. Die oberirdisch betroffenen Landkreisgemeinden sind hingegen bestürzt, fordern auch für sich eine Untertunnelung. So spricht etwa Bürgermeister Josef Häusler (Wählergemeinschaft Söllhuben) aus Riedering von einem „enormen Eingriff in die Natur“ und Raublings Bürgermeister Olaf Kalsperger (CSU) von den Verknüpfungsstellen als „Schreckgespenst“.

Enttäuscht zeigt sich auch die BI „Brennerdialog“: Eine Lösung der Verkehrsprobleme im Inntal sei in weite Ferne gerückt, an einer Diskussion zur Verkehrsvermeidung und -regulierung „besteht offensichtlich keinerlei Interesse“. Die Ablehnung des Ausbaus der Bestandsstrecke bestätige ihren Verdacht, dass unter allen Umständen eine neue Trasse gebaut werden solle, obgleich die Kapazität der Bestandsstrecke „mehr als ausreichend“ sei, was eine Untersuchung des Planungsbüros Vieregg-Rössler im April „eindeutig belegt“. Dieses Gutachten liege dem Bundesverkehrsministerium vor, werde jedoch „völlig ignoriert“. Ähnlich argumentiert auch der BUND Naturschutz in Bayern e. V. (BN): „Vordringliches Ziel muss sein, die bestehende zweigleisige Trasse höher auszulasten“, unterstreicht der Landesvorsitzende Richard Mergner. „Bisher sehen wir auf der Bestandstrasse genügend Kapazitäten für eine Verkehrsverlagerung vom Lkw auf die Schiene. Erst wenn ein tatsächlicher Bedarf nach einem zusätzlichen dritten und vierten Gleis nachgewiesen ist, kann über einen Neubau befunden werden“, sagt Mergner. „Brennerdialog“ wie BN wollen kommende Woche in München ein weiteres Gutachten vorstellen, das die Möglichkeit des Ausbaus der Bestandstrasse belegen soll und hierzu eigene Trassenvorschläge mache. Unterstützer der Petition an den Bundestag könnten sich bereits online unter brennerpetition.de registrieren.

Mahnungen und Zuspruch aus Politik und Wirtschaft

Politisch unterstützt wird der Ausbau der Bestandsstrecke zudem von der verkehrspolitischen Sprecherin der BayernSPD-Landtagsfraktion, Inge Aures. „Der Verkehrsminister darf seine Planungen nicht an den Menschen vorbei umsetzen“, mahnt die Oberfränkin. „Insbesondere die Bürgerinitiativen müssen in die Planungen einbezogen werden. Wichtig ist hierbei, bestmöglichen Lärmschutz zu berücksichtigen“, so Aures. Andreas Winhart, AfD-Landtagsabgeordneter aus Bad Aibling, sieht bei den fünf Grobtrassen die Bedürfnisse der Bürger nicht ausreichend berücksichtigt. Zudem sei ein massiver Eingriff in die Natur zu erwarten, denn mehrere Naturschutzgebiete seien direkt betroffen. Dagegen unterstützt Martin Hagen, Rosenheimer FDP-Landtagsabgeordneter und FDP-Fraktionsvorsitzender, „mit größtmöglicher Rücksicht auf Natur und Anwohner“ direkt Variante „Violett“, da hier der Tunnelanteil am höchsten sei.

Oberbayerns Wirtschaft begrüßt indes die Veröffentlichung der fünf Grobtrassen. „Der Güterverkehr zwischen Italien und Deutschland wird auch in den kommenden Jahren deutlich anwachsen“, erklärt Georg Dettendorfer, Vizepräsident der IHK für München und Oberbayern. „Zwei zusätzliche Gleise sind angesichts sinkender Kapazitäten auf der Bestandsstrecke also absolut notwendig. Ein Flaschenhals an der Grenze zu Österreich ist für den Standort Bayern und seine exportstarken Betriebe keine Perspektive und muss vermieden werden.“ Für den Nußdorfer Speditionsunternehmer spielt der Brenner-Nordzulauf eine zentrale Rolle, um mehr Güter von der Straße auf die Schiene zu verlagern.

„Info-Tour“: Ausstellungen in 16 Gemeinden

Die Vorstellung der reduzierten Grobtrassen ist zugleich Auftakt für eine Reihe von Informationsveranstaltungen von DB und ÖBB im Landkreis Rosenheim. Die 16 Termine sind eng getaktet: Donnerstag, 4. Juli, Kufstein; Freitag, 5. Juli, Kolbermoor; Freitag, 12. Juli, Niederndorf; Montag, 15. Juli, Brannenburg; Dienstag, 16. Juli, Großkarolinenfeld; Mittwoch, 17. Juli, Stephanskirchen; Donnerstag, 18. Juli, Rosenheim; Montag, 22. Juli, Nußdorf am Inn; Dienstag, 23. Juli, Flintsbach am Inn; Mittwoch, 24. Juli, Riedering; Donnerstag, 25. Juli, Bad Aibling; Montag, 29. Juli, Rohrdorf; Dienstag, 30. Juli, Tuntenhausen; Mittwoch, 31. Juli, Kiefersfelden; Donnerstag, 1. August, Raubling; Montag, 5. August, Schechen. Einladungen werden zeitnah als Postwurfsendung verschickt. Termine und Unterlagen sind auf der Projekt-Website brennernordzulauf.eu abrufbar, die Grobtrassenpläne ebenfalls im Rosenheimer Infobüro ausgehängt.

Dr. Olaf Konstantin Krueger

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